Schweißtreibendes Erlebnis in Katutura und meine Aufklärungsstunde

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Weihnachtskarten basteln

Nachdem ich letzte Woche am Montag mit den Kindern Weihnachtskarten für die Spender aus Deutschland gebastelt hatte und alle sehr viel Spaß dabei hatten und wirklich kreativ waren, bat mich Wilhelmina um ein Gespräch…

Sie erzählte mir, dass sie jedes Jahr zum Abschluss ein großes „one by one“ Meeting mit ihren Schützlingen, den 60 Kindern, durchführt.Dabei bespricht sie mit jedem einzelnen Kind seine Stärken und Schwächen, was sich verändert hat und was sich verbessern soll.
Z.B. ging es bei einem der größeren Mädchen darum, dass sie nicht mehr so viel im Hostel hilft und den ganzen Tag schläft. Es stellte sich heraus, dass sie von ihrer verbliebenen (nach dem Tod ihrer Mutter) Verwandtschaft unter Druck gesetzt wurde und deshalb nachts nie schlafen konnte und allgemein unter psychischem Druck stand. Wilhelmina wollte dann unbedingt von mir wissen, wie ich die Idee des Meetings finde und was man besser machen kann. Normalerweise ist sie sehr konservativ, wie viele Menschen der älteren Generationen, und vertraut niemandem etwas an und will schon gar nicht Verbesserungsvorschläge bekommen!

Zuerst erklärte ich ihr, dass ich niemals etwas an ihren Strukturen komplett verändern oder die Oberhand in der Organisation übernehmen würde (schon gar nicht in der kurzen Zeit). Denn Ziel ist es, in allen Strukturierungs-und Organisationsaspekten nur Unterstützung und Starthilfe zu geben. Wenn Katharina dann im Juni auch weg ist, müssen sie alles selbst managen.

Trotzdem stimmte ich dem Meeting positiv zu, da es meiner Meinung nach eine gute Möglichkeit ist, um mit jedem Kind persönlich einmal alles zu besprechen. Sonst bleibt für die unheimlich wichtige Mutter-Kind-Zeit, wo man seine Seele einfach ausschütten kann und die komplette Aufmerksamkeit für sich hat (was unter 60 Kindern logischerweise sonst nicht immer möglich ist).

Ich machte noch ein paar vorsichtige Vorschläge, z.B. so eine Art Meeting jeden 2. Monat o.ä. zu machen und den sehr strengen Ton vielleicht ein wenig zu mildern… Am Anfang hörte es sich nämlich nur nach Vorwürfen und nicht nach Schätzen der Stärken an…

Ja und DANN sprach sie ein Thema an, womit ich nieeemals gerechnet hätte, denn es ist einfach noch ein großes Tabu in vielen Familien oder Gemeinschaften. – VERHÜTUNG – Wilhelmina erklärte mir, dass die großen Kinder/Jugendlichen in den Ferien häufig bei Freunden auf Farmen im Norden sind oder ab und zu auch mal auf kleine Braai-Feiern (Grillfeste) gehen. Da es häufig dann zu ungewollten Schwangerschaften kommt, ist sie natürlich sehr besorgt um ihre 15-18- Jährigen. Die Teenage-Pregnancy-Rate ist in Namibia sehr sehr hoch:

„youth pregnancy rates in Namibia are very high with 20% of 17-year-olds, 35% of 19-year-olds, and 57% of 20-year-olds“, namibiansun.com

Eines der älteren Mädchen und Wilhelmina teilten mir dann ihr Vorhaben mit und wollten meine Meinung wissen. Sie sagten, sie wollen sich nächste Woche eine Spritze zur Verhütung verabreichen lassen und wären dann für 12 Wochen geschützt. Da sie einfach nur von einer „free injection“ sprachen, wusste ich überhaupt nicht, was das für ein Verhütungsmittel sein sollte. Ich konnte mir allerdings vorstellen, dass diese Art von Verhütung nicht ganz ohne wäre und vorallem teilte ich ihnen mit, dass dies kein Schutz gegen HIV wäre. Denn auch die HIV-Infektionsrate ist in Namibia (allgemein im südlichen Afrika) enorm hoch, auch wenn es eher zu den „entwickelteren“ Ländern zählt.

Da schauten sie mich dann natürlich ein wenig schockiert an, fragten mich aber, ob ich nicht mein Wissen zusammen mit den anderen Jugendlichen teilen möchte. Ich stimmte sofort zu, so eine Chance bekommen ich und die Jugendlichen vermutlich nie wieder. Außerdem fiel mir gleich Nadine ein, sie arbeitet ja beim Namibia Women`s Health Network und hat tausende Materialien.

Ich machte mich also sofort am nächsten Tag vormittags auf den Weg zu Nadines Arbeit und durchstöberte mit ihr das kleine Archiv. Aufklärungsbrochuren, Forschungsberichte, Filme und und und sprangen mir förmlich ins Gesicht und ich war leicht euphorisch dabei meinen Informationsaustausch zu einer richtigen kleinen Lehrstunde zu machen.

Also bereitete ich mich, wie in der Schule, auf eine Art Präsentation vor. Dann fielen mir aber noch kleine Dinge ein, um das Ganze viel spannender und lebensnaher zu vermitteln. Filmchen hier, Filmchen da, Skizzen, Zettel und vieles mehr schoss mir durch den Kopf…ohje, da musste ich mich natürlich ein bisschen begrenzen. (das war eigentlich das Schwierigste, wer mich kennt, weiß das ja…)

Mittwoch sollte ich dann perfekt vorbereitet mit Laptop und Kamera von Boutie bzw. Pappie abgeholt werden. Mit dem Taxi wäre das viel zu gefährlich gewesen. Er kam und kam nicht und ich wurde langsam unruhig, weil ich schon mindestens 2 Stunden eingeplant hatte und nachmittags die Zeit immer sehr knapp ist. Letztendlich entschloss ich mich ein Ruftaxi zu holen, was mich dann auch heile an den Ort brachte. Leider wollte er dann aber 80 Dollar , 8 Euro (mit normalem Taxi kostet es 9 Dollar, 90 Cent) haben und ich hatte nur 74 dabei, weil er am Telefon noch 60 meinte. Naja, ich gab alles was ich hatte und er gab sich damit zufrieden. ABER DANN der „Schock“: Keiner machte mir das Tor auf und ich stand mitten in den kleinen Straßen von Katutura mit sichtbarem teuren Laptop und Kamera in der Tasche alleine herum. Na super, ich wurde leicht panisch und schickte an alle Nummern, die ich vom Kinderschutzhaus hatte eine SMS. Dann rief mich jemand an und sagte ich soll die Straße an den Fenstern entlang laufen, da würde mir dann jemand das andere Tor aufmachen. Tja, aber leider machte dort niemand auf. Ich rief laut alle Namen, die ich konnte und die ersten KInder von der Straße kamen auf mich zu und bettelten um Geld. Dann liefen noch ein paar Männer vorbei, die irgendwas sagten lachten und einer der mich fragte, was ich hier denn alleine mache und was ich da in der Tasche habe…Oh man, ich kam mir vor, wie ein Zebra im Löwengehege, auch wenn das echt gemein klingt. Aber wenn schon die sichtbar Einheimischen jeden Tag ausgeraubt werden obwohl sie ja selbst höchstens 40 Dollar in der Tasche haben und ich mit einem Wert von fast 30 000 Dollar da rumstehe, ist die Situation wirklich nicht anders zu beschreiben. Nach 20 Minuten machte mir dann jemand das Tor auf und ich war sooo wütend. Trotzdem habe ich mich zusammengerissen. Übrigens hätte ich mir dann das teure Taxi wirklich sparen können…

Aber das war ja noch nicht alles. Als ich im Hostel war, erfuhr ich, dass die größeren Mädchen alle mit Wilhelmina unterwegs zum Ministerium waren. Ich dachte wir hätten alles 100 mal abgesprochen und ausgemacht? Falsch gedacht, in solchen Situation geht einem die namibische Ruhe dann schon ganz schön auf „den Sack“. Ich beschäftigte mich also mit den kleineren Kindern und wurde abends nach Hause gebracht. Am nächsten Tag sollte es dann WIRKLICH funktionieren.

DSC02437

Ein Teil der Materialien

Nach einigen Verspätungen, obwohl ich schon immer 30 Minuten bevor ich los muss, sage ich muss abgeholt werden konnte ich dann tatsächlich am Donnerstag nachmittag meine Aufklärungsstunde beginnen. 5 große Mädchen und 5 große Jungs (15-18 Jahre), Sheroline und ich setzten uns ins „Office“ in eine Art Kreis und ich begann erstmal  mein Ziel, bzw. meine Absichten zu erklären.

Da es jetzt wirklich zu lange dauern würde, den spannenden Ablauf unserer Gesprächsrunde, komplett zu dokumentieren, fasse

ich es so kurz wie möglich zusammen (alles mehr detailliert schreibe ich in ein Protokoll, was wir in unsere Unterlagen aufnehmen und füge das hier irgendwo später noch ein)

Wir sprachen, nachdem ich ein kurzes Quiz mit falschen und richtigen Statements zum Thema Geschlechtsverkehr und HIV mit ihnen machte, über Pubertät, Sexuelle Beziehungen, Schwangerschaft, Verhütung, HIV und Vergewaltigung bzw. sexuellen Missbrauch.

Zu den ersten Themen hatte ich Informationsbrochüren mitgebracht in denen Fragen und Antworten zum jeweiligen Thema waren. Wir besprachen zunächst, was die Antwort auf eine Frage sein könnte und lösten dann auf. Es wurde dann immer sehr viel diskutiert und wir machten zwischendrin immer eine kurze Zusammenfassung mit Skizze. Natürlich gab es am Anfang öfters mal die berüchtigten peinlichen Lacher, wenn bestimmte Worte fallen. Aber im Endeffekt gingen alle sehr ernst mit dem Thema um, stellten interessante Fragen oder Thesen (wie z.B. die 24-jährige Studentin, die der festen Überzeugung war, dass man Spermien mit Urin abwaschen könnte und somit nicht schwanger wird), die ich zum Glück alle beantworten konnte, und lernten viel dazu.

Zum Thema Schwangerschaft scweiften wir vorher kurz zu unseren Zukunftsträumen ab. Alle erzählten voller Stolz, was sie später

machen und wie sie leben wollen: Haus, Wohnung, Farm, Pilot, Künstlerin, Ingenieur, Arzt usw. waren einige ihrer Träume. Wenn ich danach fragte, ob und wann sie Kinder und Familie haben wollen, kam am häufigsten diese Antwort: „Das weiß ich noch nicht, aber frühstens mit 24 Kinder bekommen“

Anschließend verteilte ich kleine zusammengefaltet Zettel an alle aus. Dann sollten sie in Ruhe über das Daraufstehende nachdenken. Bei den Jungs stand drauf: You become a father. What are you doing? Bei den Mädchen: You get a positive pregnancy test. What are you doing?

Die fröhlichen, euphorischen Blicke, die nach dem Erzählen der Träume zu sehen waren, verdunkelten sich zu ernsten Mienen. Ich machte den Anfang und sagte, wie ich mich fühlen würde und dass meine Zukunftsvorstellungen vorerst unmöglich zu realisieren wären. Die meisten meinten, dass sie geschockt wären und nicht wüssten, was sie machen sollten, ihre Träume zerplatzt wären etc.

Und genau diesen, ein wenig fiesen aber realen Effekt wollte ich erzielen. So wenigen Jugendlich hier ist bewusst, was es bedeutet Verantwortung zu übernehmen. Das besprach ich auch mit Nadine.

Ich leitet dann passend dazu das Thema Verhütung ein und wir besprachen einige Methoden und ihre Vor-und Nachteile. Die Spritze stellte sich als unpassend heraus, da sie nicht gegen HIV und natürlich die meist vergessenen anderen Geschlechtskrankheiten schützt und für Jugendliche im Knochenwachstum zu starke Nebenwirkungen auf Knochendichte, aber auch Menstruationsblutung und psychische Befindlichkeit hat. (Klar, alle hormonellen Methoden haben immer tausende

mögliche Nebenwirkungen…)

Wir schauten uns ein mitgebrachtes Femidom an , was ich vorher nicht kannte, aber gut für die Mädchen oder Frauen ist, um sich unabhängig vom Mann vor Geschlechtskrankheiten zu schützen und natürlich das Kondom für den Mann.

Danach schauten wir uns ein super tolles, kurzes, einfaches Video zur HIV-Infektion(einfach draufklicken) und deren Wirkung auf den Körper an und sprachen anhand von Bildern über Infektionsmöglichkeiten und die am meisten betroffenen Gebiete.

Abschließend „trainierte“ ich allein mit den Mädchen, NEIN! zu sagen, da sie alle noch gar keinen Sex haben wollen und Angst haben sexuell missbraucht zu werden. Wir machten ein paar Rollenspiele und besprachen, wie wichtig es ist, laut und selbstbewusst mit scharfen Blick in die Augen Nein zu sagen.

Für den schlimmsten Notfall; also wenn es zu einer Missbrauchssituation kommen sollte, erklärte ich ihnen, dass sie die Pille danach anstatt im Voraus die Injektion nehmen und sich sofort vom Arzt Medikamente, die die Infektionschance im Körper mindern können) geben lassen sollten sowie natürlich körperlich untersuchen.

Viele Frauen denken, dass sexueller Missbrauch nur direkter Geschlechtsverkehr wäre; allerdings werden auch sexuelle Nötigungen in Namibia mit Gefängsnis bestraft.

Als letzten Satz fand ich es angebracht zu sagen, dass egal was passiert, sie mich oder Katharina immer anrufen können, sie auf keinen Fall solch eine Sache verheimlichen sollen und es wichtig ist immer daran zu denken, dass es der Fehler des Täters ist und niemals ihrer! Viele Frauen haben zu wenig Selbstbewusstsein oder ihnen wird eingeredet, dass sie selbst Schuld wären, sodass die meisten Fälle (wie überall auf der Welt) unerzählt und unentdeckt bleiben…

Wir verbrachten insgesamt mehr als 3 Stunden zusammen und redeten über diese wichtigen Themen und alle waren um einiges Wissen reicher. Das Wichtigste natürlich: Alle sagten, sie hatten unglaublich viel Spaß und es war spannend und interessant.

Mein Ziel wurde also erreicht, denn nur so kann man in kleinen Schritten etwas gegen die hohen Teenage-Pregnancy und HIV-Raten tun. Das ist zumindest der Anfang…

Ein paar der großen Mädchen mit mir nach unserer Gesprächsrunde

Ein paar der großen Mädchen mit mir nach unserer Gesprächsrunde

Advertisements
Kategorien: Uncategorized | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: